
Sicher wie auf Schienen
Bei der Siedlung «Bahnhof Süd» in Rüschlikon ZH ist die Absturzsicherung Teil der Architektur.
Aus der Praxis
Objekt
Text: Michael Staub | Fotos: Michael Staub / Curdin Erne
Wer im Bahnhof Rüschlikon aus dem Zug steigt, ist auf beiden Seiten von Baustellen umgeben. Auf der Nordseite des Bahnhofs legt die Gemeinde Rüschlikon eine neue, sorgfältig gestaltete Parkanlage an. Auf der Südseite sticht massives Schutzgerüst ins Auge. Es schirmt Geleise und Oberleitung der SBB gegen die Überbauung «Bahnhof Süd» ab. Diese umfasst sechs Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 37 Wohnungen und circa 2 200 Quadratmeter Gewerbefläche. Bauherrin sind die Gemeinde Rüschlikon sowie die Stiftung Wohnungsbau Rüschlikon (siehe Infobox «Das Projekt»). Der Rohbau ist bereits abgeschlossen. Auf dem Steildach des Hauses 2 flattern die bunten Bänder einer Firsttanne im Wind.
Gut abgesichert
«Wir sind mit dem Projektfortschritt sehr zufrieden – und das trotz einer grossen Verzögerung wegen der Tiefbauphase», sagt Bauleiterin Livia Steinle von der IP Construction Management AG (Baar). Die Parzelle, auf der früher der Güterschuppen von Rüschlikon stand, liegt direkt neben dem Bahngleis. Für die Sicherung der Baugrube war eine Rühlwand mit Spritzbetonausfachung und Verankerungssystem (Trägerbohlenwand) notwendig. Dazu wurden auf einer Länge von 230 Metern massive Stahlwalzprofile in den Boden gebohrt. Die Profile weisen eine Gesamtlänge von annähernd 40 Metern auf und binden etwa 3 bis 4 Meter in die Felsschicht ein. Ebenso brauchte es ein sehr stabiles Schutzgerüst mit Doppel-T-Trägern und Stahlnetz zum Schutz der SBB-Oberleitungen und der Bahntrasse. Insgesamt 40 000 Kubikmeter Aushub wurden abtransportiert.
Wie bei hochwertigen Neubauten üblich, sind die sechs Häuser mit Photovoltaik-Anlagen ausgerüstet. Für die ganze Siedlung wurden 633 Indach-Module vom Typ Arres 3.2 Premium mit jeweils 440 Watt-Peak verbaut. Die Gesamtleistung beträgt 278,5 Kilo-watt-Peak, die erwartete Jahresproduktion ungefähr 249 876 Kilowattstunden. Für die Wartung der Photovoltaik-Anlage wie auch der Dächer war eine zuverlässige, optisch ansprechende Absturzsicherung gefragt. «Die Baubewilligung schrieb vor, dass diese nicht über den First hinausragen durfte», sagt Michael Bischoff, Leiter Arbeitssicherheit bei der Fallfrei AG. Ein Seilsystem kam wegen der Ästhetik sowie möglicher Beschattungen der Photovoltaik-Module nicht in Frage. Die Montage eines herkömmlichen Seilsystems wiederum wäre wegen der notwendigen Stützen sehr aufwendig geworden.
« Die Baubewilligung schrieb vor, dass die Absturzsicherung nicht über den First hinausragen durfte. »
Michael Bischoff, Leiter Arbeitssicherheit bei der Fallfrei AG



Schienen fürs Steildach
Die Lösung für diese Zwickmühle fand Michael Bischoff bei der Innotech AG Schweiz. Country Manager Curdin Erne und sein Team hatten im Lauf der letzten eineinhalb Jahre ein neues Systemteil für die Befestigung von Schienen auf Steildächern mitentwickelt. «Den Ausschlag gaben die zahlreichen Schutzobjekte mit Steildächern. Die Denkmalpflege hätte am liebsten eine unsichtbare Absturzsicherung. Weder Einzelanschlagpunkte noch Seilsysteme finden wirklichen Anklang. Darum wollten wir unser Taurus-Schienensystem neu auch auf die Steildächer bringen», berichtet Curdin Erne. Das neue Befestigungselement wird direkt auf der Ziegellattung montiert. Dank seinem flexibel verschiebbaren Seitenelement kann es auf jede Art von Wellenziegel angepasst werden. Ebenso eignet sich das Element für die Montage auf Photovoltaik-Dächern wie in Rüschlikon.
Der Dachaufbau der sechs Häuser besteht aus der Sparrenlage, einer Unterdachfolie, Dämmung, einer Konterlattung, der Solarlattung und schliesslich den Indach-Modulen. Die Befestigungs-Module wurden mit Holzschrauben in der Sparrenmitte verankert, was einen einwandfreien Lastabtrag garantiert. Für die saubere Montage der Solar-Module, Abschlussbleche sowie der Absturzsicherung sprachen sich die Unternehmen sehr eng ab. «Dank der guten Kommunikation zwischen Solarteur, Spengler und Fallfrei hat das prima geklappt. Die Dächer sind wirklich schön anzuschauen», freut sich Bauleiterin Livia Steinle. Die Installation der Photovoltaik-Anlage übernahm die Solarmotion AG.
« Dank der guten Kommunikation zwischen Solarteur, Spengler und Fallfrei hat die saubere Montage der Solar-Module, Abschlussbleche sowie der Absturzsicherung prima geklappt. Die Dächer sind wirklich schön anzuschauen. »
Livia Steinle, Bauleiterin
Elegant eingefügt
Ein Grund für die dezente Erscheinung der Absturzsicherung ist die Pulverbeschichtung der Aluminiumschienen. «Unsere Kundinnen und Kunden können nahezu jeden Farbton wünschen. So wird die nahtlose Einpassung ins Erscheinungsbild des Gebäudes möglich», erläutert Curdin Erne von Innotech. Insgesamt wurden 189 Meter Schienen montiert. «Wir haben die drei Meter langen Segmente von Hand hochgetragen, um Kratzer zu vermeiden», berichtet Michael Bischoff von der Fall-frei AG. Dank des geringen Gewichts sei dieser Transport leicht zu bewältigen. Ergänzt wird das Schienensystem, das jeweils auf beiden Seiten des Dachfirstes montiert ist, von insgesamt 44 Einzel-anschlagpunkten (EAP). An diesen kann man sich mit dem Verbindungsmittel sichern, um den Ortgang zu kontrollieren. Ebenso wird mit einzelnen EAP ein Pendelsturz aufgefangen.
Erlebte Absturzsicherung
Im Spätsommer werden die Dacharbeiten abgeschlossen. Derweil läuft der Innenausbau aller sechs Häuser auf Hochtouren. Denn wie im Bauwesen üblich, war die Verzögerung beim Aushub kein Grund, den für Dezember dieses Jahres geplanten Bezugstermin zu ändern. Ein grosser «Hoselupf», der aber dank des grossen Engagements aller Baubeteiligten auf einem guten Weg ist. Während der Überprüfung der Absturzsicherung erhält auch Bauleiterin Livia Steinle einen guten Eindruck vom System. Die passionierte Kletterin wird von Curdin Erne über die Handhabung instruiert, schlüpft in ihr «Gstältli» und bewegt sich entlang der Schiene über das Dach. Ihr Fazit: «Ganz anders als Freiklettern oder Bouldern – aber man fühlt sich sicher und kann sich prima auf dem Dach bewegen.»
