Seelenfutter «Der Bünzli»
Verband
Nachdem keiner am Tisch genau sagen konnte, was ein Bünzli ist, wollte ich es wissen. Sprachlich gehört der Bünzli zur Familie der Spiessbürger, der Kleinkarierten und der Füdlibürger. Man begegnet ihm überall, ohne ihn wahrzunehmen. Das Auffälligste an ihm ist seine Unauffälligkeit. Er ist bestens informiert. Er weiss, wann die Nachbarn Besuch haben, von wem und wie lange, weiss, was sie wo einkaufen und wieviel Kehricht sie vors Haus stellen. Auf der Autobahn fährt er mit 118 auf der linken Spur. Er weiss, was sich gehört, und achtet darauf, dass alle anderen sich daran halten. Die Polizeinummer 112 hat er fix gespeichert. Sich selbst hält er bedeckt, weiss aber immer, was für andere gut ist. «Wo kämen wir hin, wenn …», ist sein Lieblingssatz.
Ausländisches ist ihm suspekt. Dennoch verbringt er seine Sommerferien gern im Ausland und fliegt möglichst billig hin, dorthin, wo alle hinfliegen. Das Aromat nimmt er mit. Wenn er Mittagessen geht, wissen alle, dass es Punkt 12 Uhr ist. Und er freut sich, wenn er in den Ferien etwas viel billiger als hier in der Schweiz ergattern kann.
Viele, die sich selbst für Nichtbünzlis halten, machen sich über den Bünzli lustig. Das ist nicht fair. Weil in jedem von uns ein kleinerer oder grösserer Bünzli steckt. Statt den Bünzli auszulachen, könnten wir den Bünzlisatz einfach umdrehen. Dann würden wir nicht mehr fragen, «wo kämen wir hin, wenn …», sondern wir würden sagen: «Wir gehen, um zu schauen, wohin wir kommen, wenn wir gehen.»

Wer hat noch nie die Augen über einen Bünzli gerollt? Doch steckt nicht in uns allen ein bisschen «Füdlibürgertum»?
Beat Brülhart
