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«Die Energie von oben in der Bevölkerung verteilen»

«Die Energie von oben in der Bevölkerung verteilen»

Die Kirchgemeinde Paulus in Speicher in Appenzell Ausserrhoden hat ein neues Dach erhalten. Neu wird auf dem Kirchdach nun Strom produziert.

Aus der Praxis

Objekt

Text: Marion Elmer | Fotos: swisspearl

Wirkungsvoll setzt sich die geometrische Dachlandschaft der Kirchgemeinde Paulus vor den sanft gerundeten Appenzeller Hügeln in Szene. Wie ein Fächer umgibt sie den mittigen, weissen Kirchturm in der Siedlung Bendlehn, die etwas oberhalb des Ortskerns von Speicher liegt. Die Architekten Oskar Müller und Mario Facincani gestalteten den zweigeschossigen Sakralbau in den 1970er-Jahren im spätmodernistischen Stil und deuteten skandinavische Vorbilder regional um. Dank eines klug konzipierten, hängenden Fachwerks bleibt der Sakralraum weitgehend stützenfrei. Durch unregelmässig angeordnete, verschieden grosse Fenster fällt Tageslicht in das schlicht gehaltene Innere und sorgt für immer andere Lichtsituationen. Neben den kirchlichen und halböffentlichen Räumen beherbergt das Gebäude auch die Büroräume der Kirchenverwaltung sowie eine Wohnung, in der früher der Pfarrer wohnte.

Auch die winterliche Schneelast war ein wichtiges Thema. Denn die Gemeinde Speicher ist ein «Schneeloch».

Ein neues Dach zum 50-Jährigen
Die Kirchgemeinde, insbesondere der Verwaltungsrat, weiss sein Kleinod zu schätzen. Er trägt ihm Sorge und stellt sicher, dass der Bau auch künftig die Bedürfnisse der Gemeinde erfüllt. Vor zwei Jahren, anlässlich seines 50-Jahre-Jubiläums, wurde beschlossen, dem Sakralbau ein neues Dach zu gewähren.
Der Ersatz des Daches war unausweichlich. Während Faserzementplatten die klassische, kostengünstige Lösung darstellte, fungierte eine Indach-Photovoltaik-Anlage als multifunktionale Gebäudehülle, die gleichzeitig Energie erzeugt. Diese soll nicht nur jedem Wetter standhalten – sie soll auch Strom produzieren. Dank der grossen Dachfläche – rund 1 000 Quadratmeter – hat die Indach-Anlage eine Leistung von 140 Kilowattpeak. Wie genau der Strom genutzt wird, wird derzeit noch abgeklärt. Denn einerseits braucht die Kirchgemeinde selbst wenig Strom, insbesondere in den Sommerferien, wenn die Stromproduktion auf Hochtouren läuft. Andererseits sind die Einspeisetarife nicht vorteilhaft. «Wir überlegen uns deshalb, eine lokale Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) zu gründen», sagt Christian Breitenmoser, Präsident des Kirchenverwaltungsrats. Mit einer LEG ist es ab Januar 2026 offiziell möglich, den Strom innerhalb derselben Gemeinde und im Bereich desselben Verteilnetzbetreibers zu verkaufen. «Das ist ja auch der Job der Kirche», sagt Breitenmoser und schmunzelt: «Die Energie von oben in der Bevölkerung verteilen.»
Um heute schon einen möglichst hohen Eigenverbrauch zu erreichen, wurde im alten Öllager eine 25-Kilowatt-Batterie installiert. Sie ist modular aufgebaut und lässt sich jederzeit erweitern. Auch der Anschluss für eine E-Ladestation ist bereits installiert. «Gerade im Herbst haben wir viele Gäste aus dem Thurgau, die das Auto auf unseren Parkplatz stellen und spazieren gehen», so Breitenmoser. «Kommen sie mit dem E-Auto, könnten sie es während der Parkzeit laden.»

Wer sich das Dach aus der Vogelschau ansieht, erkennt schnell, dass das Projekt für die Architekten, die Dachdecker und Solarinstallateure keine 08/15-Aufgabe war.

Alles andere als 08/15
Wer sich das Dach aus der Vogelschau ansieht, erkennt schnell, dass das Projekt für die Architekten, die Dachdecker und Solarinstallateure keine 08/15-Aufgabe war. «Es gibt nur wenige rechte Winkel», stellt Thomas Walser von Schraner Partner Architektur nüchtern fest. So floss sehr viel Zeit und Sorgfalt in die Anordnung der Indach-Module. Dennoch mussten viele Details vor Ort justiert werden. Auch die Ergänzungsplatten wurden direkt vor Ort bearbeitet und in die passende Form gebogen.
Dass es satinierte Module sein mussten, um im Einfamilienhausquartier Lichtreflexionen zu vermeiden, stand schon von Beginn weg fest. Auch die winterliche Schneelast war ein wichtiges Thema. Denn die Gemeinde Speicher ist ein «Schneeloch». Da sind sich alle Projektpartner einig. Deshalb, so Architekt Thomas Walser, sei es so wichtig gewesen, dass man den Dachdecker- und Solarauftrag an zwei regionale Unternehmen habe vergeben können, die zu diesem Zweck eine Arbeitsgemeinschaft ARGE bildeten. «Wir sind hier auf knapp 1 000 Meter über Meer, in der Gemeinde gibt es zwei Skilifte. Klimatische und statische Bedingungen sind hier relevant für eine Dachkonstruktion. Das muss man wissen, wenn man ein Dach plant.» Wertvoll war es auch, dass die Mitarbeiter der beiden Unternehmen schnell vor Ort waren, wenn es nötig war. Und nötig war es, denn gerade während der Abbruch- und Unterdachphase war das Wetter sehr oft widrig. «Der ständige Regen war für den Dachdecker wohl der grösste Stress», vermutet Christian Breitenmoser. Nun, da das Dach in neuem Glanz erstrahlt, sind Sonnentage speziell willkommen: damit die Energie von oben in der Kirchgemeinde und im Dorf verteilt werden kann.

«Gerade im Herbst haben wir viele Gäste aus dem Thurgau, die das Auto auf unseren Parkplatz stellen und spazieren gehen. Kommen sie mit dem E-Auto, könnten sie es während der Parkzeit laden.»

Christian Breitenmoser, Präsident des Kirchenverwaltungsrat

Komplexität auf allen Ebenen

»Was war die grosse Herausforderung bei diesem Projekt?

Das Dach hat kaum rechte Winkel und die Fluchten laufen in den Gräten und Kehlen zusammen. Die Module kann man aber nicht schräg verlegen. Deshalb war die Moduleinteilung die grösste Herausforderung für uns.

»Wie verlief der Bauprozess?

Im Juli, als wir das alte Dach abbauten, gab es wenige Tage ohne Niederschlag. Wir haben deswegen drei Wochen länger gebraucht, bis das Dach wieder dicht war. Im August war es dann wiederum sehr heiss, was die Arbeiten auch etwas verzögerte.

»Einige Bilder zeigen das Dach mit installierten Ergänzungsplatten, aber noch ohne Module. Ist diese Abfolge der Arbeitsschritte Standard?

Oft ist das Vorgehen systemgebunden. Wir bei der Firma Altherr Urnäsch montieren meist vorab die Ergänzungsplatten, dann verkabeln wir alles, machen die Messungen. Und erst dann, nachdem Maschinen, Hammer und Nägel weggeräumt sind, montieren wir die Module. So besteht weniger Gefahr, diese zu beschädigen.

»Wie fiel der Entscheid für das Produkt Swisspearl Sunskin Roof?

Die Auswahl hatten Bauherrschaft und Architekten gemeinsam getroffen, unter Berücksichtigung der Denkmalpflege und auf unsere Empfehlung hin. In unserem Unternehmen arbeiten wir bei Indach-Anlagen meistens mit dem System von Swisspearl und haben unser Personal entsprechend ausgebildet. Es ist ein solides System, was gerade für ein so kompliziertes Dach wichtig ist. Zudem sind die Module von Swisspearl sehr tragfähig – wegen der Schneelast ein wichtiger Faktor.

»Wie viele Module wurden letztlich installiert?

Es sind total 691 Module, davon sind 19 sogenannte M-Module mit 145 Watt und 672 L-Module mit 205 Watt. Das gesamte Dach hat eine installierte Leistung von 140,52 Kilowattpeak. Zudem haben wir einen 24,3-Kilowattstunden-Speicher installiert.

»Bei einem so komplexen Dach ist der Schattenwurf bestimmt ein grosses Thema?

Der Kirchturm verschattet je nach Sonnenstand in sämtliche Richtungen, zudem haben wir zahlreiche Schneefänger. Deshalb haben wir uns für das SolarEdge-Wechselrichtersystem entschieden. Darin integriert sind 384 Optimierer, die den Ertrag einzelner Module regeln und Ausfälle durch Verschattung oder Schnee in einer Reihe verhindern. Die Optimierer bieten zudem weitere Vorteile wie Brandschutz (Lichtbogenerkennung) und Monitoring auf Modulebene.

»Bei der Kirche hatten Sie es mit einem 50-jährigen Dach (Bau von 1970) und einem 25-jährigen Dach (angebauter Meditationsraum von 1999) zu tun. Welche Herausforderungen ergaben sich daraus?

Vorab haben wir diverse Sondieröffnungen gemacht, um den genaue Dachaufbau zu bestimmen. Wie öfter bei Umbauten, sind wir dann während der Sanierung immer wieder auf andere Dachaufbauten und -systeme gestossen. Entsprechend mussten wir den Aufbau wiederholt kurzfristig anpassen.

«Bei Indach-Anlage ­arbeiten wir gerne mit dem Swisspearl System.
Ein solides System, was ­gerade bei einem so komplizierten Dach wichtig ist.»

Marcel Gantenbein, Projektleiter Altherr Urnäsch AG

Der Sakralraum kommt dank eines klug konzipierten, hängenden Fachwerks weitgehend ohne Stützen aus.
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