
Immer wieder zurück aufs Dach
Die Arbeit auf der Baustelle begeisterte Dachdecker Ron Grisi auf Anhieb. Nach verschiedenen Stationen hat er seine berufliche Heimat gefunden.
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Text und Fotos: Michael Staub
«Eigentlich wollte ich unbedingt Koch werden. Doch während des schulischen Zwischenjahres hätte ich auf die meisten Lehrstellen ein Jahr oder noch länger warten müssen», berichtet Ron Grisi. Nun kam sein Onkel Jonas Wagner ins Spiel. Der leidenschaftliche Dachdecker, der bis heute bei der Merz+Egger AG in St. Gallen tätig ist, überzeugte seinen Neffen, den Herd mit dem Dach zu vertauschen. So begann Ron Grisi 2008 seine Lehre als Dachdecker EFZ bei der Grob AG in St. Gallen. «Ich war zwar bei den ‹Steildächlern› eingeteilt, konnte aber viel über die Arbeit auf dem Flachdach mitbekommen und meine Kollegen unterstützen.» Meistens arbeitete er im Team, durfte zwischendurch aber auch tageweise eigene Baustellen betreuen.
Nach dem Lehrabschluss 2011 ging Ron Grisi auf die «Walz». Zunächst arbeitete er einige Monate temporär, danach als Allrounder bei der Schwager AG Bedachungen in Goldach SG. Jetzt zahlten sich die Erfahrungen aus der Lehrzeit aus: «Auch hier habe ich öfter auf dem Flachdach ausgeholfen, etwa beim Abdichten. Je mehr Tätigkeiten man schon einmal ausgeführt hat, desto spannender ist unser Beruf.»
Solarmodule und Versicherungen
Nun folgte eine schwierige Zeit für Ron Grisi. Auf seine wachsenden Atembeschwerden bei der Arbeit hatten die Ärzte eine ernüchternde Antwort: «Sie haben Asthma, sind auf Betonstaub und andere Substanzen allergisch. Der Beruf als Dachdecker ist nichts für Sie.» Ron Grisi hörte mit der Arbeit auf dem Dach auf, war einige Zeit erwerbslos und arbeitete in einer Tagesstruktur. Doch welcher Beruf sollte es nun sein? Das Dach schien weit entfernt, bis Stefan Merz, Geschäftsführer der Merz+ Egger AG, einen Vorschlag machte: «Wir brauchen einen Solarmonteur – willst du mal schnuppern?» Ron Grisi wollte und arbeitete drei Jahre lang bei der Installation von Photovoltaik-Anlagen mit. «Auf dem Dach bin ich an der frischen Luft – was könnte besser sein? Nur weil die Ärzte meinen, der Beruf sei nichts für mich, muss das ja nicht so sein.» Während seiner Zeit bei der Merz+Egger AG legte Ron Grisi die Prüfung als Berufsbildner ab. Die Arbeit mit Lernenden gefiel ihm sehr, war aber vorerst nur von kurzer Dauer: «Ich wollte nochmals etwas anderes versuchen und arbeitete als Berater für eine grosse Versicherung.» Auf dem Papier versprach diese Stelle ein sorgenfreies Leben und einen sehr guten Lohn. Doch der dreifache Familienvater merkte schnell, dass die Realität anders aussah: «Du hast weder bezahlte Ferien noch einen richtigen Feierabend. Sogar während der Ferien bist du ständig am Telefon, um Mails und Anrufe zu beantworten. Dein Fixlohn ist tief. Um gut zu verdienen, musst du enorm viel verkaufen. Und das ist nicht so einfach, wie man gerne meint.»
Zurück aufs Dach
Ron Grisi verliess die Stelle bei der Versicherung und suchte eine Stelle in seinem alten Berufsfeld. So kam er in Kontakt mit Hansueli Hautle, Geschäftsführer bei der Arthur Müggler & Co. AG in Altstätten SG. «Eigentlich suchte Hansueli Hautle einen Standortleiter für seine Filiale in Rheineck. Doch obwohl dieses Jobprofil nicht ganz zu mir passte, wurde ich für ein Schnuppern eingeladen – und die Firma gefiel mir auf Anhieb», sagt Ron Grisi. Seit Anfang 2024 ist er nun als Mitarbeiter Service, Unterhalt und Reparaturen tätig. Mit der Rückkehr aufs Dach verbindet er nicht nur ein heimatliches Gefühl, sondern auch klare Vorteile: «Der Job bei der Versicherung hat mir gezeigt, wie gut wir Handwerker es haben: Fixlohn, bezahlte Ferien, wenig Belastung nach Feierabend – und vor allem genügend Bewegung. Im Büro sitzt du die meiste Zeit, trinkst Kaffee oder fährst Auto. Da gefällt mir das Dach schon deutlich besser.»
Ebenfalls 2024 absolvierte Ron Grisi die Weiterbildung als Gruppenleiter Gebäudehülle im Bildungszentrum Polybau in Uzwil. Dieses Jahr folgt bereits der Objektleiter Gebäudehülle. «Unsere Weiterbildungen finde ich super», sagt Ron Grisi, «du erfährst viel über den Beruf und lernst unglaublich viel dazu, zum Beispiel über Unterdachkonstruktionen und Anschlüsse. Auch die Materialkunde finde ich top. Drei Tage lang haben wir uns nur mit Biberschwanzziegeln und deren Möglichkeiten beschäftigt – da tun sich ganz neue Welten auf.» Nach Abschluss der Module will Ron Grisi zuerst Praxiserfahrung sammeln, um das Gelernte umzusetzen. Einen weiteren Schritt hat er bereits ins Auge gefasst: «Der Bauführer Gebäudehülle wäre mein nächstes Ziel. Damit habe ich einen guten Rucksack und bin noch besser aufgestellt.» Auch die Ausbildung des Nachwuchses liegt ihm am Herzen: «Zurzeit haben wir in Rheineck leider keine Lernenden. Aber wer weiss, vielleicht ergibt sich das wieder.»
Mitspieler gesucht
In seiner Freizeit würde Ron Grisi, der Gitarre spielt und singt, gerne in einer Band mitmachen: «Eine Vierer-Band mit Schlagzeug, Bass, Gitarre und Gesang, das wärs. Leider habe ich aber noch keine Mitstreiter gefunden.» Deshalb konzentriert sich der leidenschaftliche Dachdecker auf seine Zeit mit der Familie. Die älteste Tochter sei bereits im Teenageralter, berichtet Ron Grisi. «Doch mit meinen beiden Buben, drei und fünf Jahre alt, geht die Post ab. Wir sind begeisterte Fasnächtler und machen auch sonst gerne ‹Chabis›.» Voller Einsatz eben – auf dem Dach und auch privat.

