
Felchlins Schokoladenvilla
Eine anspruchsvolle Wohnanlage in Liebwylen, Schwyz, erhält eine Aluminium-Dachlandschaft auf höchstem Niveau.
Aus der Praxis
Objekt
Fotos: PREFA | Croce & Wir

Das Felchlin-Areal in Schwyz, einst ein historisches Grundstück des bekannten Schweizer Schokoladenherstellers, verbindet auf beeindruckende Weise moderne Architektur mit geschichtsträchtiger Substanz und einer idyllischen Bergkulisse. Auf dem Areal wurden fünf mehrgeschossige, polygonale Wohnbauten errichtet, die eine ästhetische Verbindung zwischen der 1927 erbauten Villa und der umliegenden Landschaft schaffen. Der neue Wohnkomplex umfasst 32 Wohnungen, darunter 18 Maisonetten, die mit 29 bis 131 Quadratmetern Wohnfläche modernen Wohnkomfort bieten.
Stets mit Blick auf die umliegende Bergwelt
Architekt und Stadtplaner Ihab Morgan von der Zürcher Firma Townset platzierte die Neubauten so, dass ihre Ausrichtung stets den Blick auf die umliegende Bergwelt, den Park und die historische Villa ermöglicht. Die grosszügigen Zwischenräume verbinden die Bauten mit der lockeren, villenartigen Bebauung der Umgebung und schaffen eine harmonische Atmosphäre. Auf den ersten Blick ähneln sich die Baukörper stark, doch der Entwurf folgt einer durchdachten Struktur: Morgan entwickelte einen L-förmigen Grundtyp, der sowohl den Massstab als auch den Grundriss der historischen Felchlin-Villa adaptiert und je nach Platzierung auf dem Grundstück gedreht wurde. So passt sich jede Bauform der Hanglage an, während die Geschosszahlen gestaffelt wurden, um die Architektur flexibel in das Gelände zu integrieren.

Komplexe funktionstüchtige Knotenpunkte
Eine Besonderheit ist die Dachlandschaft der fünf Neubauten. Ihre Gestaltung wurde inspiriert von der historischen Villa wie auch von der umliegenden Bergsilhouette. Jedes der fünf Gebäude hat zwölf dreieckige Dachflächen, somit insgesamt 60 unterschiedliche Ebenen, die sich in ihrer Neigung und Form unterscheiden. Die komplexen Knotenpunkte, an denen Kehlen, Grate, Rinnen und Firste zusammentreffen, umfassen teilweise fünf Dreieckspitzen. Diese erforderten eine besonders stabile und dichte Ausführung, um die langfristige Funktionalität sicherzustellen. Zusätzlich musste an diesen Punkten auch die Verankerung für die Sicherheitsseile integriert werden.

Ein widerstandsfähiges Aluminiumdach in der Alpenregion
Das mit Prefalz Aluminiumbändern eingedeckte Dach in der Farbe P.10 Braun, aufgebracht auf einer Unterkonstruktion mit 27 Millimeter Holzschalung, ist besonders widerstandsfähig gegenüber den extremen Wetterbedingungen der Alpenregion. Die Stehfälze verlaufen über mehrere Dachflächen hinweg, was eine durchgehende, optisch einheitliche Dachlandschaft erzeugt. Statt herkömmlicher Spenglerdetails wurden an den Traufen, Graten, Kehlen und auch an den Firsten innen liegende Entwässerungskanäle angeordnet, was ein entsprechendes Gefälle der Dachflächen voraussetzte und somit auch die Stürze der Dachloggien beeinflusste – ein ausgeklügeltes Zusammenspiel von Geometrie und Technik. Die Entwässerungskanäle wurden bündig mit der Dacheindeckung mit einem perforierten Blech in der passenden Dachfarbe abgedeckt, um ein gleichmässiges, planes Erscheinungsbild zu gewährleisten. Dafür wurden 1 600 zusätzliche Winkelprofile eingefärbt und montiert. Eine besondere Herausforderung waren zudem die 45 runden Dachfenster. Ihre präzise Integration in die komplexe Geometrie der Dachflächen erforderte massgeschneiderte Zuschnitte und eine detaillierte Planung. Auch die Entwässerung der Dachfenster erfolgt über verdeckte Rinnen.
Meisterleistung und präzise Planung
«Es war eine enorm herausfordernde Aufgabe, um Details wie verdeckte Entwässerung und die Anschlüsse der Dachfenster korrekt umzusetzen», erklärt Gregor Bless, Geschäftsführer des renommierten Familienunternehmens Bless Gebäudehüllen im Ort Erstfeld. Insgesamt wurden 240 Planunterlagen erstellt, die Massangaben und Anpassungen abbildeten, um den hohen Anforderungen an Präzision gerecht zu werden. «Der Architekt hatte klare Vorstellungen, die uns dazu anspornten, perfekte Arbeit zu leisten.»
Ein Leuchtturmprojekt im Talkessel von Schwyz
Auch für Rinaldo Betschart, Inhaber des Unternehmens konzept.b Gebäudehülleplanung GmbH, wurde Liebwylen zu einem Herzensprojekt. «Gemeinsam entwickelten wir technisch funktionale Lösungen, die dem geforderten hohen Anspruch entsprachen. Die Ausführung gelang dank des kompetenten ARGE Bless-Betschart-Teams perfekt», erklärt der konsultierte Experte für Gebäudehüllenplanung für Steildächer und Flachdächer. Betschart weiss bestens um den hohen Planungsaufwand des Projektes; so hat er unter anderem auch die präzise Konzeption der Brandschutzbleche der Fassaden und das Entwässerungskonzept der Steil- und Flachdächer übernommen. Anstelle von sonst üblichen physischen Mock-up-Modellen setzte er die Planung der komplexen Knotenpunkte mit allen relevanten Schichten im 3D-CAD-Programm um.
Die Bedeutung von bestens qualifizierten Mitarbeitenden
Mit der Fertigstellung Ende 2023 und der bereits erhaltenen Auszeichnung des Iconic Award 2021 in der Kategorie «Architektur und Stadtplanung» sowie der Nominierung zum Finalisten des World Architecture Festivals 2024 in Singapur ist das Projekt ein Paradebeispiel für moderne Architektur, die den Anforderungen an Nachhaltigkeit und Ästhetik gerecht wird. «Es ist von entscheidender Bedeutung, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen und kontinuierlich bestens qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die Baustelle schicken», betont Architekt Ihab Morgan. Das Zusammenspiel zwischen Architekt, Ingenieur, Bauherr und Handwerker hat dieses herausragende Projekt erst möglich gemacht.

«Es ist von entscheidender Bedeutung, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen und kontinuierlich bestens qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die Baustelle schicken.»
Ihab Morgan, Architekt und Inhaber der Townset GmbH
