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«Gemeinsam finden wir die besten Lösungen»

«Gemeinsam finden wir die besten Lösungen»

Im sankt-gallischen Grabs wachsen ein 350-jähriges Strickhaus und ein moderner Lehmbau zu einem neuen Ensemble zusammen. Ein Projekt für innovative Handwerker.

Energiezukunft

Text und Fotos: Michael Staub

Die evangelische Kirche von Grabs steht in einem ruhigen Quartier, das ein bisschen Ländlichkeit bewahrt hat. Ein Dutzend Schafe grast auf einer umzäunten Wiese. Das Bimmeln ihrer Glocken vermischt sich mit dem Stundenschlag des Kirchturms. Wenige Schritte weiter steht ein dreigeschossiges Strickhaus. Frisches, leuchtendes Holz dominiert seine Fassaden. Doch die sonnenverbrannten Balken der Dachkonstruktion zeigen, dass das Gebäude wesentlich älter ist. Das «Gässlihaus» geht auf das Jahr 1670 zurück und stand ursprünglich einige hundert Meter entfernt. Um es vor dem Abbruch zu retten, wurde das Gebäude letztes Jahr in einer aufsehenerregenden Aktion verschoben. An der Rückseite des schmucken Hauses erhebt sich ein zweiter, neuer Baukörper. Seine Mauern bestehen nicht aus Holz, sondern aus Stampflehm. Das neue Gebäude ergänzt die heimeligen Stuben und Stübchen des Strickbaus mit grosszügigen, hohen Räumen für Schulungen, Kurse und Anlässe. Ein Schwerpunkt wird auf der Permakultur (kreislaufbasierter Anbau von Nahrungsmitteln) liegen. Auch deshalb wird in den nächsten Monaten ein grosszügiger Garten rund um die beiden Häuser angelegt.

Das «Gässlihaus» bildet die strassenseitige Front des Ensembles. Seine Dimensionen wurden beibehalten, während der Lehmbau im Hintergrund bewusst grosszügige Räume umfasst. Beide Häuser sollen für Weiterbildungen und ähnliche Anlässe genutzt werden können.

Lehm und Stein
Doch zuerst müssen die Bauarbeiten abgeschlossen werden. Ronan Crippa, Architekt ETH, Teilhaber Allen + Crippa Architektur GmbH, steigt auf das Fassadengerüst des Neubaus. Dort wartet Marc Vetsch, Gebäudehüllen-Meister und Geschäftsführer der Vetsch Gebäudehüllen AG in Grabs. Wie viele Grabser Handwerker hat auch er am Lehmbau mitgearbeitet, und zwar für den Schutz der massiven, tragenden Wände. Diese bestehen aus vorgefertigten, auf der Baustelle zusammengefügten Stampflehm-Elementen. «Fast wie Lego», scherzt Marc Vetsch. Im Erdgeschoss sind die Mauern bis zu 85 Zentimeter stark. Nach oben verjüngen sie sich, erreichen aber auch auf Höhe des Daches immer noch eine Stärke von 50 Zentimetern. Die Geschossdecke besteht aus unverleimten Brettstapeldecken, die zwischen zwei Trägern eingespannt wurden. Die Dachkonstruktion entspricht einem Pfettendach, ebenfalls in Vollholz ausgeführt, und spannt von Aussenwand zu Aussenwand. Dies ist auch der Grund für die ungewöhnlich starken, bis zum First hochgezogenen Aussenmauern. Um diese Mauern sowie die exponierten Stellen bei den Fensterbänken vor der Bewitterung zu schützen, wollte Allen + Crippa Architektur GmbH einen Stein als Fassadenelement verwenden. Weil das gesamte Bauprojekt auf möglichst natürliche, biologisch abbaubare Materialien setzt («Gesund gebaut»), sollte dieser möglichst ohne Verklebung befestigt werden. Im Gegensatz zum Holz- oder Massivbau gibt es beim Lehmbau praktisch keine Normen und auch noch wenig Erfahrungswerte. «Wir sind auf das Fachwissen der Handwerker angewiesen. Sie kennen ihr Gewerk und können uns helfen, die richtige Lösung zu finden. Unzählige Details konnten wir hier auf der Baustelle klären – das ist eine Zusammenarbeit, die uns viel Freude macht und bei der wir als Architekten viel dazulernen können», sagt Ronan Crippa.

Blick auf den Abschluss der Firstpfette. Gut sichtbar sind die Chromstahlbleche, auf welche die millimetergenau zugeschnittenen Steinplatten montiert wurden.

Gemeinsam unterwegs
Um herauszufinden, was funktioniert, braucht es Ideen, Mut und manchmal auch die Strategie «Versuch und Irrtum». In Grabs hat man unter anderem ein grosses Muster (Mock-up) gebaut, um einzelne Details entwickeln und prüfen zu können. So auch beim Abschluss der Aussenmauern: Gemeinsam mit dem örtlichen Spengler, dem Steinmetz und Marc Vetsch wurde eine Lösung gefunden. «Die Mauerkanten wurden mit dünnen Chromstahlblechen abgedichtet. Auf diesen haben wir die Steinplatten aus Mägenwiler Muschelkalk platziert», sagt Marc Vetsch. Die Befestigung der Steine musste je nach Platzierung anders gelöst werden. Zwei U-Profile wurden Rücken an Rücken verschweisst. «Entlang des Ortgangs gibt es eine relativ kleine, betonierte Stelle. In dieser konnten wir die Schrauben für die U-Profile verankern», berichtet Marc Vetsch. Die Schrauben wurden danach mit Flüssigkunststoff abgedichtet. Die U-Profile dienen gewissermassen als Halteklammern für die Platten. Bei den Banksteinen wurden auf das Chromstahlblech Dornen aufgeschweisst, welche in Löcher im Stein greifen. An wenigen Stellen musste der Stein mit etwas Kleber zusätzlich gesichert werden. Die Befestigung ist aber nicht sichtbar. Auf der Firstpfette, welche fast acht Meter lang ist, installierte der Holzbauer eine Unterkonstruktion. Darauf folgt ein Einhängerblech, das in der UK verschraubt wurde. Darin wurde die Chromstahl-Abdeckung eingehängt und montiert. Für die Befestigung der Firststeine wurden Stockschrauben verwendet, welche in der Holzunterkonstruktion befestigt sind. Auf dem überstehenden Gewinde der Stockschrauben wurden Hutmuttern montiert. Bei den seitlichen Firststeinen musste eine Lösung für das direkte Verankern der Steine in der Stampflehmwand gefunden werden. «Wir kamen auf die Idee, Gewindestangen zu verwenden. Mit einem normalen Injektionsmörtel können diese auch im Stampflehm gut verankert werden. So mussten wir nur noch passende Löcher in die Steinplatten bohren, die Gewindestangen hindurchführen und auf der Oberseite eine Hutmutter befestigen», sagt Marc Vetsch.

Viel Handarbeit
Die enge Zusammenarbeit zwischen Handwerker und Architekt gefällt allen Beteiligten. «Wir schätzen es sehr, wenn wir nicht einfach ausführende Stelle sind, sondern auch unser Fachwissen einbringen können. Gemeinsam eine Lösung zu suchen und sich auf der Baustelle auszutauschen, macht mehr Freude, als einfach im Büro zu sitzen und Mails hin- und herzuschicken», sagt Marc Vetsch. Als junges Architekturbüro schätze man diesen Punkt ebenfalls, meint Ronan Crippa: «Bei unkonventionellen Konstruktionen fehlt uns die Erfahrung. Besonders im Umgang mit nachhaltigen Baustoffen, wo noch keine Standarddetails vorhanden sind, ist es wichtig, gute Lösungen zu entwickeln. Deshalb nehmen wir das Wissen und die Einschätzungen der Profis sehr ernst und arbeiten auch gerne mit ihnen zusammen. Gemeinsam finden sich die dauerhaftesten und ansprechendsten Lösungen. Zudem macht die Arbeit so mehr Spass.»

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