
Sonnenschutz: Das unterschätzte System in der Gebäudehülle
Teil 5 der Fenster-Serie: Sonnenschutz ist mehr als das Herunterfahren einer Store. Als integraler Bestandteil der Gebäudehülle beeinflusst er Energiebilanz, Raumklima und Komfort.
Energiezukunft
Technik
Text: Thomas Stöckli | Fotos: Schenker Storen AG
Die Sonne liefert gratis Energie – im Sommer aber oft zur falschen Zeit. Sie strahlt dann mit 600 bis 1000 Watt pro Quadratmeter auf die Fassade. Zur Einordnung: Im Winter rechnet man für ein durchschnittliches Gebäude mit einer Heizleistung von rund 100 Watt pro Quadratmeter. Ein einziger Quadratmeter besonnte Fläche liefert im Sommer also ein Mehrfaches dessen, was im Winter zum Heizen nötig ist – Energie, die niemand im Gebäude haben will. Genau hier setzt der Sonnenschutz an: Er schirmt die direkte Einstrahlung ab, bevor sie wirkt, und reduziert den Wärmeeintrag durch das Fenster um bis zu 98 Prozent.
Aussen schlägt innen – und warum die Farbe zählt
Entscheidend ist die Lage. Aussenliegen der Sonnenschutz hält die Wärmestrahlung ab, bevor sie die Verglasung durchdringt, und ist damit um ein Vielfaches wirksamer als innenliegender. Solare Einstrahlung ist dabei zweischneidig: Was im Winter als Gratiswärme willkommen ist, wird im Sommer zur Last. Ideal ist deshalb die Kombination beider Systeme – aussen gegen die sommerliche Hitze, innen als Blendschutz, der die winterliche Sonnenwärme dennoch hereinlässt.
Ein guter aussenliegender Sonnenschutz hält den Grossteil der Sonnenstrahlung ab. Wie viel, hängt auch von der Farbe ab: Bei geschlossenen Lamellen sind es bei einer hellen Store bis zu 98 Prozent, bei einer dunklen bis zu 92 Prozent. Helle Oberflächen reflektieren das Licht, dunkle absorbieren es und geben die Wärme an die Umgebungsluft ab. Bei textilen Behängen kommt zusätzlich der Wahl des Stoffes besondere Bedeutung zu – manche Textilien halten nur rund 78 Prozent der Strahlung ab.
Was die Simulation zeigt
Wie stark Sonnenschutz wirkt, hat Schenker Storen gemeinsam mit der Hochschule Luzern (Institut für Gebäudetechnik und Energie) simuliert. Untersucht wurden ein Mehrfamilienhaus in Alt- und eines in Neubauweise, an den Standorten Zürich und Tessin, für heutiges Klima und die Prognose 2060. Das Ergebnis ist eindeutig: Ohne Sonnenschutz steigen die Innentemperaturen deutlich, und die Zahl der Überhitzungsstunden – nach SIA jene Stunden über 26 Grad Celsius – nimmt bis 2060 spürbar zu. Helle, geschlossene Lamellenstoren senken beide Werte am stärksten. Bemerkenswert: Der Neubau schneidet nicht automatisch besser ab – grössere Glasflächen und die bessere Dämmung halten die Sommerwärme im Gebäude. Die zentrale Erkenntnis: Konsequenter Sonnenschutz kann den Einsatz aktiver Kühlung – also einer Klimaanlage – ganz vermeiden.
Auch im Winter ein Gewinn
Sonnenschutz spart selbst dann Energie, wenn er nur nachts genutzt wird. Rund 20 Prozent der Heizenergie entweichen über die Fenster. Ein geschlossener Behang bildet davor ein wärmedämmendes Luftkissen – ruhende Luft ist ein hervorragender Isolator. Messungen mit der Berner Fachhochschule beziffern diesen zusätzlichen Wärmedurchgangswiderstand auf 0,10 bis 0,28 Watt pro Quadratmeter und Kelvin (m²K/W). Die Farbe spielt im Winter keine Rolle; entscheidend ist die Luftdichtheit. Am besten wirkt das Luftkissen bei Montage in der Fensterlaibung, die seitliche Luftzirkulation verhindert.

Vom Produkt zur Strategie: Automatisierung
Die beste Store nützt wenig, wenn sie im falschen Moment offensteht. In der Praxis wird handbetriebener Sonnenschutz kaum bedient – im Sommer fahren ihn die Nutzer oft erst herunter, wenn das Gebäude bereits überhitzt ist; dann lässt sich die Wärme kaum mehr hinausbringen. Automatisierte Systeme lösen dieses Problem: Sie reagieren selbsttätig auf Sonnenstand, Raumtemperatur und Wetter, nutzen die Nachtauskühlung und senken die Wärmeverluste im Winter um 5 bis 20 Prozent. Voraussetzung ist, dass die elektrische Infrastruktur bereits im Rohbau mitgeplant wird – ein Schritt, den viele Generalunternehmer aus Kostengründen noch scheuen. Über die Lebensdauer werden diese Mehrkosten jedoch mehr als wettgemacht: durch Komfortgewinn, tiefere Heiz- und Kühlkosten und weniger CO₂ im Betrieb, wo der grösste Teil der Gebäudeemissionen anfällt.
Planung schlägt Nachbesserung
Welcher Sonnenschutz der richtige ist, hängt vom Gebäude, von der Ausrichtung und vom Nutzungsprofil ab.
Lamellenstoren spielen ihre Stärke vor allem im Sommer aus, weil sich Lichteinfall und Reflexion über den Lamellenwinkel steuern lassen. Daneben stehen Stoffstoren, Rollläden und Klappläden zur Wahl – seitlich geschlossene Stoffstoren und Rollläden etwa punkten im Winter mit besonders guter Luftdichtheit. Welche Lösung am besten passt, zeigen der Gesamtenergiedurchlassgrad gtot und der zusätzliche Wärmedurchgangswiderstand ΔR. Diese Kennwerte und die Beratung zur passenden Auswahl liefert der Sonnenschutzprofi – idealerweise schon in der Planungsphase. Denn funktionsfähiger Sonnenschutz ist kein Produkt, das man montiert. Er ist ein System, das man plant.

