
Projekt Titlis: Am Gipfel der Baukunst
Ein Bericht über alpine Hand-werkskunst, Hochleistungs-Dämmsysteme und die odernisierung eines architektonischen Wahrzeichens auf über 3 000 Meter über Meer.
Aus der Praxis
Objekt
Fotos: Paul Bauder AG
Die körperlichen Auswirkungen in dieser Höhe sind deutlich spürbar.
Beat Keiser, Abdichtungsbau Durrer AG
Wer sich auf YouTube durch die Titlis-Baustellentagebücher scrollt, bekommt eine Ahnung davon, unter welchen Bedingungen auf dem Gipfel gebaut wurde. Bei extremen meteorologischen Verhältnissen und einer aussergewöhnlichen Logistik ist das Handwerk gefordert und kann zeigen, was es draufhat. Daher hört man nicht selten: Wer am Titlis gearbeitet hat, braucht eigentlich kein Empfehlungsschreiben mehr – das Projekt gilt als prestigeträchtiger «Ritterschlag» in den Referenzunterlagen.
Ein Projekt von Herzog & de Meuron
Mit dem Projekt «Titlis» entsteht auf über 3 000 Metern Höhe eines der anspruchsvollsten Bauprojekte der Alpen. Unter der Federführung des renommierten Basler Architekturbüros Herzog & de Meuron wurde der bestehende Richtstrahlturm aus den 1980er-Jahren erneuert und mit Besucher- und Gas-tronomiebereichen erweitert. In weiteren Bauetappen entstehen ein unterirdischer Zugangsstollen sowie ein Ersatzneubau der Bergstation. Eine zusätzliche Pendelbahnverbindung wird die Besucherinnen und Besucher künftig auf den Titlis bringen. Die neue Bergstation setzt konsequent auf nachhaltige Energiekonzepte: Ein Atrium nutzt Solarwärme, Grauwasser wird aufbereitet und Abwärme direkt in den Gebäudekreislauf zurückgeführt. In Betrieb gegangen ist das neue Wahrzeichen «Titlis Tower» Anfang Juni. Die Aussichtsplattform Horizon Deck ist erstmals am 1. Juni für das Publikum zugänglich worden, das Joseph’s Restaurant ist ebenfalls bereits eröffnet. Für die touristische Nutzung wurden dem bestehenden Richtstrahlturm zwei horizontale Baukörper in der gleichen Stahlbautechnik eingeschoben. Erschliessungstürme bringen die Besucherinnen und Besucher per Lift und Treppe zum Restaurant, zur Aussichtsplattform und zur Rolex Boutique.
Handwerk am Limit
An diesem Jahrhundertbauwerk wurde unter extremen Bedingungen gearbeitet: Temperatu8ren bis minus 25 Grad Celsius, Windgeschwindigkeiten bis Spitzen über 200 Kilometern pro Stunde und enorme Schneelasten prägten den Baustellenalltag. «Die körperlichen Auswirkungen in dieser Höhe sind deutlich spürbar», beschreibt Beat Keiser von Abdichtungsbau Durrer AG die Arbeitsbedingungen. «Dünne Luft, Kälte und Wind verlangen den Mitarbeitenden täglich viel ab. Rutschgefahr, enge Platzverhältnisse und rasche Wetterwechsel erfordern höchste Konzentration und Ausdauer», betont Keiser weiter. Dank der präzisen Koordination aller Beteiligten, einer verlässlichen Terminplanung und eines gemeinsamen Qualitätsverständnisses konnte dieses aussergewöhnliche Projekt in dieser Grössenordnung erfolgreich umgesetzt werden.



Die Logistik-Challenge
Auf einer Baustelle in dieser Höhenlage ist Logistik ein zentraler Erfolgsfaktor. Materiallieferungen müssen zeitgenau angeliefert werden, da Lagerflächen kaum vorhanden sind. Wind- und Schneelasten können die Stabilität von Materialdepots beeinträchtigen. Entsprechend wichtig sind abgestimmte Lieferketten mit den Transportmitteln LKW, Bergbahn und Helikopter. «Kommt eine Lieferung zu früh, fehlt der Lagerplatz, kommt sie zu spät, kann der freie Platz bereits zugeschneit sein. Ausserdem können Lagerstapel in Schieflage geraten, wenn der Schnee darunter schmilzt», erklärt Beat Keiser die Situation auf der hochalpinen Baustelle.
Zudem müssen die Teams vor Ort genau über ihre Arbeitsschritte Bescheid wissen, da Nachbesserungen unter diesen Bedingungen enorm aufwendig sind. «Es ist nicht möglich, mal schnell für eine Besprechung vorbeizugehen», gibt Keiser zu bedenken. «Logistik und Arbeitsetappen sind deshalb im Voraus exakt zu planen.»
Wenn das Dach Hochgebirgsbedingungen standhalten muss
Materialien werden im Gebirge stark beansprucht. UV-Strahlung, Schnee, Eis, Wind und massive Temperaturschwankungen wirken dauerhaft auf Konstruktion und Abdichtung ein. Damit ein Dach langfristig funktioniert, müssen die eingesetzten Materialien besonders widerstandsfähig sein, den Windsogkräften trotzen und formstabil bleiben. «» Beim Umbau des «Titlis Towers» realisierte die Abdichtungsbau Durrer AG rund 760 Quadratmeter Dachflächen – darunter das Antennenboxdach, die Dächer der vier Erschliessungstürme, das Liftaufbaudach sowie die Flächen der beiden eingeschobenen Kuben und 13 Schleusen, welche die Erschliessungstürme zum Kern verbinden. Der Dachaufbau musste so gewählt werden, dass er den Wetterbedingungen standhält und gleichzeitig mit dem gewünschten U-Wert in das Sandwich des Stahlbaus passt. Das setzt fundierte Planung und Know-how voraus. Umso erleichterter waren die Teams vor Ort, als die Abdichtungsebene vom Gefälleaufbau perfekt auf die Anschlussflansche vom Stahlbau passte.
Ein Projekt, das bleibt – technisch und menschlich
Am Ende eines solchen Prestigeobjekts bleibt stets eine persönliche Bilanz: «Am meisten stolz bin ich auf unser Team. Unsere Mitarbeitenden haben unter extremen Bedingungen Grossartiges geleistet. Trotz der harten Umstände wurden unsere hohen Qualitätsansprüche übertroffen», so Beat Keiser. Der Bau auf über 3 000 Metern zeigt eindrücklich, was möglich ist, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Entstanden ist ein neues Wahrzeichen, das stolz in die Bergwelt ragt und für Jahrzehnte gegen die garstigen Wetterbedingungen gewappnet ist.
Kommt eine Lieferung zu früh, fehlt der Lagerplatz, kommt sie zu spät, kann der freie Platz bereits zugeschneit sein oder Lagerstapel geraten in Schieflage, wenn der Schnee darunter schmilzt.
Beat Keiser, Abdichtungsbau Durrer AG
