Gebäudehülle Schweiz

    Beiträge:

    Kategorien:

Sonnenstrom als öffentliche Aufgabe

Sonnenstrom als öffentliche Aufgabe

Die Energiewende scheitert nicht an fehlender Technologie, sondern an Strukturen. Der Empa-Forscher Harald Desing hat ein Konzept entwickelt.

Energiezukunft

Text: Christian Greder | Grafik: Empa/Gebäudehülle Schweiz

Die Energiewende entscheidet sich nicht an der Frage, ob Technologien verfügbar sind, sondern daran, wie Gesellschaften sie einbetten. Für Harald Desing, Forscher an der Empa, liegt der Engpass weniger in der Technik als in der Vorstellungskraft. «Was uns bremst, ist nicht die Technik, sondern die Art, wie wir Entscheidungen treffen», sagt er. Photovoltaik, so seine These, ist längst ausgereift – doch ihr kultureller Stellenwert bleibt unterschätzt.

Energiegewinnung als Teil der Schönheit
Gerade die Architektur spielt dabei eine Schlüsselrolle. Solarenergie wird noch zu oft als technische Pflichtübung verstanden, als Zusatz, der nachträglich auf Dächer gesetzt wird. Desing plädiert für einen Perspektivenwechsel: Energiegewinnung als integraler Bestandteil der Gestaltung. «Ich wünsche mir, dass Energiegewinnung als Teil von Schönheit verstanden wird – nicht als Störung.»

Wird Photovoltaik von Beginn an mitgedacht, verändern sie nicht nur Fassaden und Dachlandschaften, sondern auch das Verhältnis zur Energie selbst. Architektur wird damit zum sichtbaren Ausdruck einer neuen Baukultur.
Der Hebel für eine rasche Transformation liegt im Bestand. Öffentliche Gebäude, grosse Wohnsiedlungen, Infrastrukturbauten oder Gewerbeareale bieten enorme, bislang ungenutzte Potenziale.
«Wir brauchen keine neuen Flächen, sondern eine neue Haltung zum Bestehenden», betont Desing. Geschwindigkeit sei entscheidend – und diese lasse sich nur erreichen, wenn bestehende Strukturen konsequent aktiviert werden.

Attraktive Stadträume entstehen lassen
Besonders Städte stehen dabei im Fokus. Entgegen verbreiteten Befürchtungen muss urbane Energieproduktion nicht auf Kosten der Lebensqualität gehen. Im Gegenteil: Der Verzicht auf fossile Heizsysteme verbessert die Luftqualität, elektrische Mobilität reduziert Lärm und Emissionen und gut integrierte Solaranlagen erweitern das Stadtbild, statt es zu beeinträchtigen. «Eine Stadt, die Sonnenstrom erntet, ist selbstbewusster, unabhängiger, resilienter», sagt Desing. In Kombination mit Grünflächen und Biodiversitätszonen entstehen neue, attraktive Stadträume.
Konsequent weitergedacht mündet dieser Ansatz in einem radikalen, zugleich pragmatischen Vorschlag: Sonnenenergie als öffentliche Infrastruktur. Vergleichbar mit Wasser- oder Verkehrs-netzen soll die solare Grundversorgung gemeinschaftlich bereitgestellt werden.

Der Gedanke entstand aus der Erfahrung, wie leicht private Einzelinteressen Projekte blockieren können. «Wenn wir die Energiewende privaten Einzelentscheidungen überlassen, wird sie sich nur schwer beschleunigen lassen», so Desing. Wird Sonnenstrom hingegen als gemeinschaftliche Ressource organisiert,
«fällt diese Blockade weg».

Wertschöpfung, Arbeit und Innovation im Land behalten
Das Modell verbindet Klimaschutz mit sozialer Fairness und ökonomischer Vernunft. Alle erhalten Zugang zu einer definierten Basisenergie – unabhängig von Eigentum oder Kapital. «Damit werden wir alle zu Stromproduzenten», sagt Desing. Gleichzeitig entstehen Anreize, den eigenen Energieverbrauch neu auszurichten und weiter in Wärmepumpen, Elektromobilität oder effiziente Geräte zu investieren. Auch volkswirtschaftlich ist der Ansatz nüchtern kalkuliert. Milliardenbeträge, die heute für fossile Energieimporte ins Ausland fliessen, könnten im Land gehalten werden. «Ab dann fliesst das Geld nicht mehr ab, sondern bleibt in der Schweiz – als Wertschöpfung, als Arbeit, als Innovation.» Ergänzt durch neue Tätigkeitsfelder in Wartung, Recycling und lokaler Produktion entsteht ein langfristig tragfähiges System. Für die Baubranche bedeutet das eine klare Perspektive. «Eine schnelle Energiewende ist kein Risiko, sondern eine grosse wirtschaftliche Chance», sagt Desing. Sie schafft Planungssicherheit, stärkt Handwerk und Industrie und bereitet den Boden für weitere Modernisierungsschritte. Sein langfristiges Bild ist das einer «Sonnenblumengesellschaft», die sich stärker an natürlichen Rhythmen orientiert. «Das ist kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt – hin zu mehr Lebensqualität und Balance.»

«Was uns bremst, ist nicht die Technik, sondern die Art, wie wir Entscheidungen treffen.»

«Ich wünsche mir, dass Energiegewinnung als Teil von Schönheit verstanden wird – nicht als Störung.»

Harald Desing, Forscher an der Empa
Mitglied werden.

Eine Mitgliedschaft bei Gebäudehülle Schweiz erleichtert Ihnen den Arbeitsalltag und verschafft Ihnen einen Informationsvorsprung am Markt.

© Gebäudehülle Schweiz