
«Mir hat es den Ärmel voll reingenommen»
Schon als Zwölfjährige wurde Lisa Walker vom Dachdeckerfieber gepackt. Als frisch diplomierte Dachdeckerin EFZ arbeitet sie bereits an ihrer Weiterbildung.
Verband
Text und Fotos: Michael Staub
Wenige Schritte vom Bahnhof Räterschen ZH steht ein Flarzhaus mit fünf Wohneinheiten. Auf dem Dach des mittleren Hauses steht Lisa Walker. «Ursprünglich wollte die Eigentümerin eine Photovoltaik-Anlage installieren», berichtet die frisch ausgelernte Dachdeckerin. Wegen des nicht mehr optimalen Dachzustands sei dies jedoch nicht möglich. «Somit machen wir einen reinen Ziegelersatz. Mit den noch guten Ziegeln decken wir die Nordseite ein. Und hier, auf der Südseite, gibt es neue Ziegel.» Mit Schwung entfernt Lisa Walker die alte Dämmung und klebt einzelne Risse im Unterdach ab. Danach geht es ans Eindecken. Dachdecker Joël Hofer steht auf dem Dach der Gaube und wirft Lisa Walker die Ziegel zu. Im Nu hat sie rund um das Dachflächenfenster eingedeckt. Zwischendurch greift sie zum Dachdeckerhammer oder zur Trennscheibe, um einen Ziegel anzupassen. Feiner roter Staub legt sich auf das frische Dach. Gemeinsam mit Geschäftsführer Michel Rebsamen und Joël Hofer bespricht Lisa Walker die nächsten Arbeitsschritte. Während die Sonne am Himmel immer höher steigt, wachsen auch die Ziegelreihen zum First empor.
Feuer und Flamme
Als Spenglerin oder Landschaftsgärtnerin hat Lisa Walker auch geschnuppert. Doch eigentlich war ihr Traumberuf schon lange klar: «Als ich zwölf Jahre alt war, liessen meine Eltern durch die Heiri Rebsamen AG die Fassade und das Dach modernisieren. Ich war begeistert und konnte schon bald als Aushilfe in den Schulferien oder am Samstag mitarbeiten. Da hat es mir den Ärmel ganz reingenommen.» Diesen Sommer hat sie die Lehre als Dachdeckerin EFZ abgeschlossen und ist nach wie vor Feuer und Flamme für ihren Beruf: «Am meisten gefällt mir, dass du am Abend nicht nur weisst, sondern auch siehst, was du gemacht hast. In einem Bürojob würde ich den ganzen Tag drinnen sitzen, das wäre nichts für mich.»
Auch die Abwechslung begeistert die junge Berufsfrau: «In unserem Betrieb arbeiten auch ein Zimmermann und ein Schreiner. Deshalb übernehmen wir auch Arbeiten, die klassische Dachdecker nicht machen, zum Beispiel Innenausbau. Ich habe Freude, wenn ich auch mal beim Einbau einer Gipsdecke oder bei Schreinerarbeiten mithelfen kann.» Ihre Lehrzeit bezeichnet Lisa Walker als «familiär und lehrreich». Zu Beginn habe sie sich an die beständige, harte körperliche Arbeit etwas gewöhnen müssen. «Für den Körper ist das anders, als wenn du immer im Schulzimmer sitzt.»

Ein Dach mehr
Am liebsten arbeitet Lisa Walker auf dem Steildach oder an der Fassade. Ihre Lieblingsmaterialien beim Eindecken sind Naturschiefer und Ziegel. Daneben montiert sie auch sehr gerne Holzfaserweichplatten für das Unterdach. Und die klassischste aller Arbeiten, das Ein- und Ausdecken, gefällt ihr am besten: «Es macht riesigen Spass, morgens um sieben Uhr den ersten Ziegel in die Mulde zu werfen und abends zu sehen, was man geleistet hat.» Wie so viele ihrer Berufskolleginnen und -kollegen mag auch Lisa Walker den Gang durch das Dorf, wo sie inzwischen einige «ihrer» Dächer besichtigen kann. Besonders wichtig ist ihr die gewissenhafte Arbeit: «In unserem Betrieb hiess es von Anfang an: Lieber investierst du fünf Minuten mehr, als dass du einen Pfusch machst. Das beherzige ich bis heute, und deshalb bin ich auch zuversichtlich, dass es unter den Dächern, auf denen wir gearbeitet haben, nicht tropft.» Ebenso motiviert wie im Beruf ist Lisa Walker im Sport. Seit über zehn Jahren spielt sie Faustball, derzeit in der zweiten Damenmannschaft des FG Elgg-Ettenhausen. Den Ausschlag gab ihr Bruder: «Er ist etwas älter als ich. Als ich sechs oder sieben war, brachte er von einem Faustball-Match eine Medaille heim. Ich wollte auch unbedingt eine und habe deshalb mit Faustball angefangen.» Den Bruder hat die Dachdeckerin inzwischen überholt – in ihrer persönlichen Sammlung finden sich auch Medaillen von der Faustball-EM und der -WM.
Fadengerader Wurf
Bis im Winter 2024 spielte Lisa Walker noch in der ersten Mannschaft. Um sich auf das QV vorzubereiten, zog sie sich in die zweite Mannschaft zurück. Dort trainiert sie «nur» noch zwei Mal pro Woche, was ihr nach strengen Arbeitstagen etwas mehr Spielraum lässt. Auf der Baustelle kann sie ab und zu auch Faustball trainieren: «Den zweiten Ball kannst du in unserem Sport auch als Pass gerade durchspielen. Wenn du also einen Ziegel runterwirfst, kannst du ihn fadengerade nach unten werfen.» Im Sport wie im Beruf motiviert sie sich gerne mit dem Gedanken: «Du kannst das noch ein bisschen besser, noch ein bisschen schneller machen.» Wobei die Qualität nicht leiden dürfe: «Schneller heisst nicht, dass man unsorgfältig wird.» Auf ihrem EFZ-Abschluss ruht sich Lisa Walker nicht aus. Diesen Sommer begann sie die Zweitlehre als Solarinstallateurin EFZ sowie die Weiterbildung als Gruppenleiterin Gebäudehülle. Neues zu lernen, macht ihr Spass, und ihr Fernziel sei «voraussichtlich die Gebäudehüllen-Meisterin.» Nicht mehr draussen zu arbeiten, würde sie «extrem schade» finden, sagt Lisa Walker: «Doch wenn ich schon ins Büro wechsle, möchte ich auch eine Ahnung vom Dach haben.» Derzeit sei sie beruflich, sportlich wie familiär fest in Elgg verwurzelt. Doch das müsse nicht unbedingt so bleiben, sagt Lisa Walker: «Vielleicht führt mich das Leben in zehn Jahren trotzdem woanders hin. Dann könnte es mich schon reizen, selber einen Betrieb aufzumachen.»
Viel Power
Nachdem das Dach des Flarzhauses fertig eingedeckt ist, geht es in die Mittagspause. Am Nachmittag wechselt Lisa Walker auf eine andere Baustelle. Ein Wohnhaus wurde durch einen Brandfall beschädigt und wieder neu aufgebaut. Auch hier gilt es, das Dach einzudecken. Kein Problem für die motivierte Berufsfrau: «Ich freue mich schon darauf – und abends geht es ins Training.»

