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«Die meisten Bauherrschaften sind sehr offen für die Kreislaufwirtschaft»

«Die meisten Bauherrschaften sind sehr offen für die Kreislaufwirtschaft»

Kreislaufwirtschaft in der Baubranche: Wiederverwendung statt Entsorgung, um Deponien zu vermeiden und Ressourcen nachhaltig zu nutzen.

Energiezukunft

Interview und Foto: Michael Staub

Das kreislauffähige Bauen wird immer wichtiger. Wo stehen wir heute und wohin geht die Reise? Nachhaltigkeitsexpertin Anne Baur sieht grosse Chancen für Gebäudehüllen-Profis und skizziert mögliche Entwicklungen.

»Anne Baur, wie nachhaltig ist die Gebäudehüllen-Branche?

Sie ist nicht schlecht unterwegs. Viele Akteure kennen das Thema und dessen Dringlichkeit. Verschiedene Nachhaltigkeitslabels machen relativ klar, was Nachhaltigkeit bezogen auf unser Gewerk heisst. Man muss die Rückbaufähigkeit mitdenken, die Materialien möglichst gut trennen und wann immer möglich schrauben statt kleben. Die Hersteller stehen hier unter gewissem Konkurrenzdruck und deshalb bewegen wir uns hin zu Produkten, die nachhaltiger und auch umweltverträglicher sind.

»Das übergeordnete Ziel heisst heute Kreislaufwirtschaft. Was können wir uns, bezogen auf die Gebäudehülle, darunter vorstellen?

Die Baubranche als Ganzes entsorgt immer noch unglaublich viel Material, selbst wenn es noch brauchbar wäre. Kreislaufwirtschaft bedeutet, dass wir nicht ausschliesslich mit neuen Materialien planen und das Alte nicht entsorgen. Vielmehr geht es um Wiederverwendung von Materialien oder sogar ganzen Bauteilen. Das Ziel ist, nicht mehr Deponien zu füllen und Bauabfälle thermisch zu verwerten, sondern möglichst viele Elemente aufzubereiten und dann ein zweites oder ein drittes Mal zu verwenden.

»Die Wiederverwendung von Bauteilen verlangt enorm viel Zeit und Platz. Wer kann diesen Aufwand überhaupt stemmen?

Neben den vorhandenen Strukturen wären auch die Gebäudehüllen-Unternehmer vor Ort sehr gute Kandidaten für diese Aufgabe. Neue Lösungen zu suchen, ist für sie Alltag. Das ist die perfekte Ausgangslage, damit man Bauteile beurteilen, ausbauen, weiterverwenden oder tauschen kann. Zudem kennen die Unternehmer die Kundschaft, die Gebäude und die Bauprojekte in ihrem Rayon.

»Sind Dachdeckerinnen und Fassadenbauer der Motor für diese Transformation?

Ja, denn sie sind sehr nahe am Gebäude und können die Bauherrschaft mit neuen Ideen aus der Praxis überzeugen. Wer tagtäglich mit den Produkten arbeitet, kann auch uns in der Planung und Architektur sehr wertvolle Inputs liefern. Die Planungsabläufe müssten für kreislauffähiges Bauen jedoch optimiert werden, damit wir spontan und flexibel reagieren können.

»Wie sähe aus Sicht der Kreislaufwirtschaft das ideale Baumaterial aus?

Als Rohstoff für die Dämmung könnten wir statt neuen Materials Wertstoffe verwenden, die ohnehin im Überfluss vorhanden sind. Zum Beispiel Altkleider oder aus dem Meer gefischter Plastikabfall. Oder eben natürliche Materialien wie Stroh oder Laub. Tragwerke mit lösbaren Verbindungen sind eine gute Wahl. Neben dem Holzbau können dies auch innovative Materialien wie Carbonbeton leisten. Für die Aussenhaut könnten Glasscheiben aus alten Fenstern oder mit Moos bewachsene Re-Use-Ziegel verwendet werden.

»Was braucht es, damit Re-Use und kreislauffähiges Bauen noch besser Fuss fassen?

Denkbar wäre eine Vorgabe, dass zum Beispiel fünf Prozent aller Baumaterialien aus Re-Use stammen. Ebenso könnte ein bestimmter Anteil an nachwachsenden Rohstoffen wie Holz oder Stroh vorgeschrieben werden. Wie schon gesagt, denke ich aber, dass sehr viele Bauherrschaften von sich aus für das Thema offen sind. Ein überzeugender Vorschlag, der von den Gebäudehüllen-Profis kommt, wird in der Regel sehr gerne angenommen.

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