
Seelenfutter: Die billigen Ferien
Ferienerinnerung heute: Kultur? Natur? Ach was – Hauptsache Flip-Flops für 2 Franken und das Taxi billiger als der Espresso.
Verband
Braun gebrannt schwärmte er am Stammtisch von seinen Ferien. Traumhaft sei es gewesen. Einfach supergenial. Mega. Den Flug habe er über Frankfurt gebucht und so Hunderte von Franken gespart. Die etwas lästige Übernachtung im Frankfurter Flughafenhotel habe sich aber längst bezahlt gemacht. Das Ferienhotel habe er über das Internet gebucht. Ein Fünfsternehaus für drei Wochen zu einem Preis, zu dem man hierzulande in einem Mittelklassehotel nicht einmal eine Woche verbringen könne. Das Taxi vom Flughafen zum Hotel sei dort so billig gewesen, dass er entschieden habe, die Ausflüge nur per Taxi zu machen, 40 Franken für einen ganzen Tag, inklusive Fahrer. Da könne man nichts sagen. Ja, und das Essen sei phänomenal gewesen. Sie hätten immer auswärts gegessen und für vier Personen nie mehr als 60 Franken bezahlt, einheimische Kost zwar, aber alles inklusive. So billige Ferien habe er noch nie gemacht. Der reinste Wahnsinn seien die Preise für Markenkleider, Lederwaren und Schuhe gewesen. Marken-T-Shirts, die hier 90 und mehr Franken kosten, habe er für 20 Franken bekommen und gleich einen halben Koffer mitgenommen. Mit Markenschuhen habe er sich ebenfalls eingedeckt. Zum Glück habe es am Schweizer Zoll keine Probleme gegeben.
Ich weiss bis heute nicht, wo mein Bekannter in den Ferien war. Vermutlich in Fernost, Thailand vielleicht. Woran wird er sich wohl in ein paar Jahren erinnern, wenn er an diese Ferien denkt? An die Kultur des Landes, an die Anmut der Menschen, an die wundervollen Landschaften, an das tropische Klima? Ich meine, er wird an diese Ferien als die Schnäppchenferien denken – günstige Reise inklusive allen Drumherums sowie billiger Textilien, Schuhe und Taxis. Ist das nicht schade? Aber passen tut es schon. Einst freuten wir uns, wenn wir uns etwas Teures leisten konnten. Heute sind wir stolz, etwas Teures möglichst billig zu ergattern …
Ihr Beat Brülhart
«Einst freuten wir uns, wenn wir uns etwas Teures leisten konnten. Heute sind wir stolz, etwas Teures möglichst billig zu ergattern»
Beat Brülhart
